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Das deutsche Hochschulsystem sieht sich zunehmender Kritik und damit einhergehend zahlreichen Reformbestrebungen ausgesetzt (vgl. Hornbostel 2008). Neben der Einführung neuer Studiengänge im Zuge des Bologna-Prozesses und den jüngsten Wettbewerben um den Status als „Elite-Universität“ rückte spätestens mit den Kontroversen um die Juniorprofessur auch die Situation des postdoktoralen wissenschaftlichen Nachwuchses in den Fokus der Aufmerksamkeit. Zu beklagen gab es viel: Ein zu hohes Erstberufungsalter, verursacht durch ein hierarchisches Hochschulsystem, welches die jungen Forschenden zu lange in der Abhängigkeit von Professoren/Professorinnen und Lehrstuhlinhabern/Lehrstuhlinhaberinnen hält; im Vergleich zum Ausland sehr starr wirkende Karrierewege ohne Tenure Track-Optionen, was die hoffnungsvollsten Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen ihr Glück in den USA suchen lässt (vgl. Büchtemann 2001) usw.; Nachwuchsmangel in einigen Disziplinen einerseits, die „Flaschenhals Berufung“ andererseits. Auslandserfahrungen als unabdingbare Voraussetzung für eine akademische Karriere auf der einen Seite, der Verlust hochqualifizierter Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ans Ausland auf der anderen (vgl. Stifterverband 2002). Habilitation als notwendiger Eignungsnachweis oder doch nur noch lästiges Ritual (vgl. Berning/Küpper 2001)?
Diese Diskussionen sind nicht neu: Der besondere Risikocharakter der wissenschaftlichen Karriere wurde immer dann zu einem Krisenfaktor, wenn das Verhältnis von berufbarem Nachwuchs und besetzbaren Professuren deutliche Asymmetrien aufwies. Die Konsequenzen der Krisen des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland wurden historisch unterschiedlich bewertet: Während bis in die 1980er Jahre insbesondere ein Abwandern des potentiellen Nachwuchses in andere Berufe befürchtet wurde, wird in den letzten Jahren durch die zunehmende Internationalität der Forscherkarriere vor allem die Abwanderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in das Ausland als zentrales Problem angesehen. Nicht zuletzt durch die Internationalisierung wurden traditionelle Qualifikationsformen wie die Habilitation verstärkt in Frage gestellt, strukturelle Schwächen der Nachwuchsförderung analysiert und thematisiert und Karrieremodelle wie das Tenure Track-Modell erstmals als ernsthafte Alternative in die wissenschaftspolitische Diskussion aufgenommen.
Noch vor der vieldiskutierten Einführung der Juniorprofessur im Jahre 2002 legten einige große Forschungsförderorganisationen speziell auf diese Problemlage zugeschnittene Programme auf („Nachwuchsgruppenleitung“ als alternativer Qualifizierungsweg). Zielgruppe waren hochqualifizierte Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen, denen nun ein eigenes Budget zur Verfügung gestellt wurde, um kontinuierlich und mit einem eigenen Forschungsteam an einem frei gewählten Thema arbeiten zu können. Die Möglichkeit zum frühen eigenständigen Forschen, die Verantwortung für ein Team und die Chance, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten innerhalb der scientific community zu demonstrieren, sollte die Nachwuchsgruppenleiter und -leiterinnen berufungsfähig machen – auch ohne notwendigerweise ein Habilitationsverfahren zu durchlaufen.
Das 1999 im Zuge dieser Entwicklungen von der DFG aufgelegte und Ende 2004 grundlegend modifizierte Emmy Noether-Programm etabliert sich zunehmend als Exzellenz-Programm mit hohem Renommee, dessen Ziel eine systematische Förderung und Qualifizierung der besten Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen über einen alternativen Karriereweg war und ist. Mit dem Programm soll ein Systemwandel angestoßen werden, welcher allerdings seitens der Hochschulen einen „Mentalitätswandel notwendig“ macht (DFG 2006a: 7). In der Tat lässt sich das Programm nicht völlig friktionslos in das traditionelle System der Kooptationsverfahren integrieren, weshalb sich deutsche Hochschulen gelegentlich mit der Integration eines solchen neuen Weges zum Professorenamt schwer tun.
Junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ohne Habilitation kommen im Rahmen des Emmy Noether Programms ausgestattet mit – vergleichsweise – hohen Mitteln an die Universität ihrer Wahl, die ihrerseits das Budget verwaltet. Sie erhalten ein Gehalt, das nur wenige andere wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bekommen (BATIa), fordern vielfach Prüfungs- bzw. Betreuungsrechte für die Doktoranden ihrer Forschergruppen und erwarten damit die Anerkennung eines juniorprofessur-ähnlichen Status. Sie haben zwar einen strengen Begutachtungsprozess durchlaufen, die Entscheidung darüber, wer als viel versprechendes Forschertalent gilt, ist jedoch im Begutachtungsprozess der DFG gefallen und nicht in den traditionellen Berufungsverfahren der Universität. Dies eröffnet einerseits die Chance, gerade die externe Beurteilung als ein besonderes Qualitätsmerkmal zu begreifen, eröffnet andererseits aber Raum für Unsicherheit, Missverständnisse und Blockaden, wenn es um Status und korporationsrechtliche Verortung geht. Erst allmählich – und nicht zuletzt der Exzellenzinitiative und der Diskussion um die Juniorprofessur geschuldet (vgl. DHV 2002; Berning 2003; Buch et al. 2004) – entdecken die Universitäten die Nachwuchsgruppen als Qualitätsmerkmal.
Nach einer Laufzeit des Programms von 10 Jahren, seit 1999, war es an der Zeit für ein erstes Resümee: Erreicht das Programm die gewünschte Zielgruppe, die exzellenten Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen? Was kennzeichnet die Gruppe dieser Forschenden vor, während und nach der Förderung? Qualifiziert die Nachwuchsgruppenleitung tatsächlich zur Übernahme einer Professur? Welche Bedeutung kommt der Habilitation zu? Und last but not least: Hat sich diese Form der Förderung als „Erfolgsmodell“ bewiesen?
Die Befunde unserer Studie sollten dazu dienen, die Gruppe der Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen anhand ihrer Herkunft, ihres Bildungsweges und der Eingangqualifikationen zu beschreiben. Wir haben sie auf ihrem Karriereweg von der Antragstellung über die Begutachtungs- und schließlich Förderphase hinweg bis zu ihrer derzeitigen beruflichen Stellung begleitet. Die Befragten gaben uns Antworten darüber, wie sich das deutsche Hochschulsystem aus ihrer Sicht darstellt, wie sich die Zusammenarbeit mit der aufnehmenden Hochschule gestaltete, welche Rechte, Pflichten und welchen Status sie zugeschrieben bekamen. Darüber hinaus erlauben uns ihre Antworten einige Schlüsse darüber, ob und wie gut sich eine akademische Karriere mit Familie und Partnerschaft vereinbaren lässt.
Um determinierende Faktoren identifizieren und bezüglich ihres Einflusspotentials analysieren zu können, wurden in den quantitativen (Online-)Befragungen möglichst umfassend jene Aspekte betrachtet, die den akademischen Werdegang der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen begleiten und beeinflussen können. Neben strukturellen Bedingungen wie Ausstattung, Arbeitsbedingungen und dem Grad der Einbindung in die hochschulinternen Abläufe sowie Rechte und Pflichten der Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen an den Institutionen fanden auch individuelle Faktoren wie Kenntnisse/Erfahrungen, Einbindung in Netzwerke und motivationale Aspekte Berücksichtigung.
Für die ergänzenden problemzentrierten Interviews wurden anhand struktureller Merkmale potentielle Interviewpartner und -partnerinnen ausgewählt (theoretical sample) und angefragt. Persönliche Interviews ermöglichen es, Punkte, die in der Onlinebefragung nur sehr knapp zur Sprache gebracht werden konnten, ausführlicher zu erörtern und Aspekte des akademischen Karriereweges zu identifizieren, die in der Onlinebefragung gar nicht berücksichtigt wurden. Ziel dieser qualitativen Teilstudie war es, die unterschiedlichen Wege zu einer Emmy Noether-Nachwuchsgruppenleitung, die strukturellen Bedingungen, auf welche die Nachwuchsgruppenleiter und -leiterinnen bei der Implementation ihrer Gruppe an den Hochschulen treffen sowie die Bedingungen und die Organisation der alltäglichen Arbeit der Nachwuchsgruppenleitung genauer zu erfassen, als dies mit dem Instrument der standardisierten Befragung möglich ist.
Einen weiteren wichtigen Bestandteil des Untersuchungsdesigns bilden Publikationsanalysen, welche Aussagen zum Einfluss der Förderung selbst ermöglichen und Hinweise auf die Sichtbarkeit der befragten Forscher und Forscherinnen in ihrer Fachcommunity geben können. Hierfür wurden die Publikationen aller Antragstellenden des Emmy Noether-Programms aus verschiedenen Quellen recherchiert. Die so entstandenen Publikationslisten wurden durch die Personen selbst geprüft und ggf. ergänzt. Von dieser Datenbasis ausgehend wurden in Zusammenarbeit mit dem IWT Bielefeld Zitationsrecherchen und -analysen durchgeführt. Die Auswertungen erfolgen fachgebietsweise für die Medizin,Physik Chemie und Biologie.
Die Befragung der Emmy Noether-Nachwuchsgruppenleiter und -leiterinnen bildete die Basis für die Ausweitung der Untersuchung auf weitere, statusähnliche Gruppen von Nachwuchswissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen, die eine vergleichbare Förderung in anderen Programmen beantragt haben.
Förderorganisation |
Programm |
Gruppe |
Anzahl Grund-
gesamtheit |
Anzahl
Teilnehmer |
Teilnahme-
quote |
Deutsche Forschungs-
gemeinschaft (DFG) |
Emmy Noether
Nachwuchsgruppenleiter |
bewilligt |
365 |
278 |
76,2% |
abgelehnt |
330 |
184 |
55,8% |
| Nachwuchsgruppenleiter im SFB |
bewilligt |
52 |
29 |
55,8% |
Volkswagen-Stiftung |
Nachwuchsgruppenleiter |
bewilligt |
65 |
42 |
66,0% |
abgelehnt |
109 |
50 |
49,5% |
Helmholtz-Gemeinschaft |
Nachwuchsgruppenleiter |
bewilligt |
50 |
43 |
86,0% |
abgelehnt |
80 |
37 |
46,3% |
Max-Planck-Gesellschaft |
Nachwuchsgruppenleiter |
bewilligt
(aktuell gefördert) |
47 |
25 |
53,3% |
Tabelle 1: Befragte und Förderorganisation: Fallzahlen und Teilnahmequoten
Von Januar bis August 2007 wurden die abgelehnten Antragstellenden für eine Emmy Noether-Nachwuchsgruppenleitung, aber auch bewilligte und abgelehnte Antragstellende der Nachwuchsgruppenleiterprogramme der Volkswagenstiftung und der Helmholtz Gemeinschaft sowie aktuell geförderte Max Planck-Nachwuchsgruppenleiter und -leiterinnen mit nahezu identischen Instrumenten befragt. Dies ermöglichte eine umfassendere Beschreibung der Situation von Postdoktoranden/Postdoktorandinnen in unterschiedlichen institutionellen Kontexten ermöglichen.
Die Ergebnisse unserer Studie wurden in zwei Ergebnisberichten als iFQ-Working Paper und verschiedenen Zeitschriftenartikeln (siehe unten) publiziert. Im ersten Bericht (iFQ-Working Paper No.3 „Postdocs in Deutschland: Evaluation des Emmy Noether-Programms”) konzentrierten wir uns auf die Auswertung der Befragungsdaten und Interviewergebnisse der befragten Emmy Noether-Nachwuchsgruppenleiter und -leiterinnen und haben die Befunde – wo möglich – den Angaben der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gegenüber gestellt, die mit ihrem Antrag auf Förderung einer Nachwuchsgruppenleitung nicht erfolgreich waren. Uns geht es im ersten Bericht um vorwiegend deskriptive Beschreibungen des beruflichen Werdegangs und der Motivationsstrukturen der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, aber auch um eine detaillierte Beschreibung und Analyse der fördernden und hemmenden Faktoren bei der Eingliederung der Nachwuchsgruppe und den daraus resultierenden Problemlagen im Arbeitsalltag der Nachwuchsgruppenleiter und -leiterinnen. Im Sinne einer Programmevaluation war es uns wichtig darzustellen, auf welche Weise ein derartiges Förderinstrument den beruflichen Erfolg der Geförderten unterstützt, aber auch an welchen Stellen sich aus der Umsetzung der angestrebten Programmziele ungeplante Konsequenzen ergeben.
Der erste Ergebnisbericht im Überblick: „Postdocs in Deutschland: Evaluation des Emmy Noether-Programms” (iFQ-Working Paper No.3)
Ein deutlicher Unterschied zwischen bewilligten und abgelehnten Antragstellenden im Emmy Noether-Programm zeigte sich in der beruflichen Entwicklung nach der Förderentscheidung. Obwohl auch der überwiegende Teil der nicht geförderten Antragstellenden in der Wissenschaft verbleibt, erreichen die ehemaligen Nachwuchsgruppenleiter und -leiterinnen schneller und häufiger die attraktiven unbefristeten Positionen an den Hochschulen. Dementsprechend zeigten die befragten Emmy Noether-Geförderten signifikant höhere Zufriedenheit mit Einkommen, Position und beruflichen Entwicklungsperspektiven als die abgelehnten Antragstellenden.
Derartig deutliche Unterschiede zwischen erfolgreichen und abgelehnten Antragstellenden finden sich jedoch nur in den oben genannten Bereichen. Sowohl hinsichtlich der Zufriedenheit mit der aktuellen Arbeitssituation insgesamt oder den Arbeitsinhalten als auch in der Selbsteinschätzung ihrer Fähigkeiten unterscheiden sich die Befragten der beiden Gruppen kaum. Auch die Analyse der Publikationen der Antragstellenden und der Zitierungen dieser Publikationen ergab weder vor noch nach der Förderung klare Unterschiede zwischen Geförderten und Nichtgeförderten. Beide Gruppen publizierten auf hohem Niveau.
Die befragten Antragstellenden studieren zwar nicht schneller als ihre Kommilitonen, sie gehen wie diese auch Erwerbstätigkeiten im Studium nach, aber sie erreichen bessere Noten und legen ihre gesamte berufliche Entwicklung sehr viel zielstrebiger an, was insbesondere daran zu erkennen ist, dass sie alle Übergänge zwischen den Qualifikationsphasen sehr viel zügiger und friktionsfreier bewältigen.
Wer in den Genuss der Förderung kommt, hat damit ein ganz wesentliches Ziel erreicht, nämlich eine sehr hohe Unabhängigkeit bei der Durchführung der eigenen Forschungen. Hier verfügen die Nachwuchsgruppenleiter und -leiterinnen nach eigener Wahrnehmung über eine mit Professoren vergleichbare Autonomie. Eine mögliche Schattenseite dieser hohen Autonomie ist die geringe Einbindung in institutsinterne Abläufe und Entscheidungsprozesse – eine „institutionelle Heimatlosigkeit“ ist im äußersten Fall die Folge. Dies wird insbesondere bei den oft nur eingeschränkt zugestandenen Prüfungsrechten (speziell dem Promotionsrecht) im Arbeitsalltag deutlich. Das fehlende Promotionsrecht führt nicht selten zu neuen Abhängigkeiten von Professoren/Professorinnen und dem Wunsch, schnell zu habilitieren. Über die tatsächliche Bedeutung der Habilitation in Berufungsverfahren besteht eine Unsicherheit seitens der Befragten, ein zusätzliches Absichern durch das Habilitieren schien der Mehrzahl der „Emmys“ zumindest erwägenswert. Mehr als die Hälfte der Befragten war schon habilitiert oder hatte noch vor zu habilitieren.
Bereits das Label „Emmy Noether“ hat durchaus Gewicht, wenn es um Berufungsverfahren geht. Andererseits verhilft die Förderung zu Erfahrungen, die jenseits der materiellen Zuwendung Kompetenzen, Netzwerke und Selbstbewusstsein verändern. Gerade an der Statuspassage zum eigenverantwortlichen Wissenschaftler hat die Betreuung durch die Geschäftsstelle der DFG einen sehr großen Anteil. Die Befragten fühlen sich ernst genommen und gewürdigt, nicht zuletzt angesichts der Offenheit der DFG gegenüber Vorschlägen und Wünschen der Geförderten. Das Programm hat sich als „Marke für herausragende Leistungen“ nicht nur nach außen etabliert, sondern wurde von den Geförderten durchaus in ihr Selbstbild integriert.
„Postdocs in Deutschland: Evaluation des Emmy Noether-Programms” (iFQ-Working Paper No.3) >> download.
Im Dezember 2009 erschien der Folgebericht „Postdocs in Deutschland: Nachwuchsgruppenleiterprogramme im Vergleich“ (iFQ-Working Paper No.6). Dieser hat einen stärker analytischen Charakter und zielte insbesondere auf Vergleiche zwischen den Antragstellenden der sehr ähnlichen Förderprogramme der Volkswagenstiftung, Helmholtz-Gemeinschaft und Max-Planck-Gesellschaft ab. Wir gingen der These nach, inwieweit es sich auch programmübergreifend um eine relativ homogene Gruppe von überdurchschnittlich engagierten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen handelt und hinterfragten in diesem Zusammenhang, ob die nur leicht abweichenden Programmziele und Begutachtungsverfahren gegebenenfalls doch leichte Unterschiede in der Zusammensetzung der Gruppen der geförderten, aber auch abgelehnten Antragstellenden dieser Programme erzeugen.
Der zweite Ergebnisbericht im Überblick: „Postdocs in Deutschland: Nachwuchsgruppenleiterprogramme im Vergleich“ (iFQ-Working Paper No.6)
Bezüglich ihrer Zielgruppen – „herausragende“ (Deutsche Forschungsgemeinschaft - DFG), „talentierte“ (Helmholtz-Gemeinschaft - HGF), „besonders begabte“ (Max-Planck-Gesellschaft - MPG) und „herausragend qualifizierte“ (VWS) junge Forscherinnen und Forscher –, der Förderdauer (i.d.R. 5 Jahre) und dem finanziellen Umfang der Förderung unterscheiden sich die untersuchten Programme nicht. Wesentliche Unterschiede zwischen den Programmen, die auch für die weiteren Auswertungen und Interpretationen von Bedeutung waren, betreffen das Bewerbungsverfahren, die institutionelle Einbettung der Nachwuchsgruppen, die Anzahl geförderter Personen und nicht zuletzt das jährlich zur Verfügung stehende Finanzvolumen. Die MPG schreibt einzelne Nachwuchsgruppenleiter-Positionen aus, die jeweils an Instituten der MPG angesiedelt sind. Die HGF schreibt eine begrenzte Anzahl an Stellen zu einem bestimmten Stichtag aus; die Gruppen sind meist an einer Hochschule und einem Helmholtz-Zentrum verortet. Bei der VWS konnten bis zu einem bestimmten Stichtag Anträge eingereicht werden, eine festgesetzte Anzahl zu vergebender Positionen gab es jedoch nicht. Im Emmy Noether-Programm ist eine ganzjährige Antragstellung möglich, ohne Fristen und ohne Beschränkung der Anzahl. Sowohl die ENP- als auch die VWS-Nachwuchsgruppen sind vorwiegend an Hochschulen angesiedelt. Wenngleich in jedem der Programme ein Schwerpunkt im naturwissenschaftlich-mathematischen Bereich festzustellen war, sind im VWS-Programm die prozentualen Anteile an geförderten Forscherinnen und Forschern der Geistes- und Sozialwissenschaftlern sowie der Medizin fast doppelt so hoch wie in den Vergleichsgruppen. Ingenieurwissenschaftler machen in allen Programmen einen sehr geringen Anteil aus.
Die Unterschiede zwischen den Bewerbern der unterschiedlichen Programme sind insgesamt sehr gering. Die Antrags- und Begutachtungsverfahren wurden von den Antragstellenden im VWS-Programm am positivsten beurteilt.
Der akademischer Karriereweg der Befragten ist schon sehr früh auf eine wissenschaftliche Laufbahn hin angelegt und wird meist sehr zielstrebig verfolgt. Eine Art „Förderkarriere“ lässt sich am ehesten für die Nachwuchsgruppenleitenden der Helmholtz-Gemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft zeigen, die bereits ihre Promotion häufig im Rahmen einer Tätigkeit im außeruniversitären Forschungsbereich angefertigt haben.
Über alle Programme hinweg geben die aktuell geförderten Nachwuchsgruppenleitenden die stärkste Zufriedenheit mit den Arbeitsinhalten und ihrer Position an, die geringste Zufriedenheit wird für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angegeben. Mit der während der Förderung erreichten Position zeigen sich die Max-Planck-Nachwuchsgruppenleiter/-innen am zufriedensten. Die Nachwuchsgruppenleiterinnen und -leiter der VWS sehen sich am stärksten in die universitären Entscheidungsprozesse integriert, was sich u.a. in einer als zu hoch empfundenen Belastung durch Gremienarbeit niederschlägt und sich vermutlich auch in der etwas niedrigeren Zufriedenheit mit der Position auswirkt.
Qualifizierungsmöglichkeiten wünschen sich die aktuell geförderten Nachwuchsgruppenleiterinnen und -leiter insbesondere in jenen Bereichen, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Position und Rolle als Nachwuchsgruppenleiterin/-leiter stehen: Personalmanagement, Führungsqualitäten, Zeitmanagement und Konfliktmanagement.
Die Nachwuchsgruppenleiterinnen und -leiter aller Programme bewerben sich in der Förderphase fast ausschließlich auf Professuren (vorwiegend in Deutschland). Die Karriereentwicklung nach der Förderung konnte nur für die zwei Programme analysiert werden, die über eine ausreichende Programmlaufzeit verfügten: das Emmy Noether-Programm der DFG und das Programm der VolkswagenStiftung. Hinsichtlich der Berufungshäufigkeiten ist ein deutlicher Fördereffekt für beide Programme festzustellen: Die geförderten Nachwuchsgruppenleiterinnen/-leiter wurden häufiger/schneller berufen als die abgelehnten Bewerber.
Bereits in den vorangegangenen Untersuchung des Emmy Noether-Programms wurde deutlich, dass die Antragstellenden in den untersuchten Postdoc-Programmen aufgrund der Bewerbungsvoraussetzungen eine leistungsmäßig vergleichsweise homogene Gruppe darstellen. Die Karriereverläufe zeigen, dass es sich auch bei den abgelehnten Antragstellenden um eine leistungsfähige Gruppe handelt. Es ist daher schwer zu beurteilen, ob der höhere Berufungserfolg der Geförderten auf die Auswahlentscheidung, die Forschungsbedingungen, die die Programme eröffnen, die Lern- und Vernetzungsopportunitäten während der Förderung oder auf einen „Labeling-Effekt“ der Programme zurückzuführen ist – oder auf eine Mischung all dieser Faktoren.
Die Kontingenzen der Auswahlentscheidung in allen Programmen – nicht zuletzt daran erkennbar, dass in einem Programm abgelehnte Antragsteller/-innen in einem anderen Programm durchaus reüssieren können – lassen ein gewisses Maß an Vielfalt im Förderangebot in jedem Fall wünschenswert erscheinen.
„Postdocs in Deutschland: Nachwuchsgruppenleiterprogramme im Vergleich“ (iFQ-Working Paper No.6) >> download.
Im Projektzusammenhang entstandene Publikationen:
- Böhmer, Susan / Hornbostel, Stefan, 2009:
- Postdocs in Deutschland: Vergleich von Nachwuchsgruppenleiterprogrammen. iFQ-Working Paper No.6. Bonn. Download
- Böhmer, Susann / von Ins, Markus, 2009:
- “Different – not just by label: Research-oriented academic careers in Germany”. Research Evaluation, Vol. 18, No. 3, pp. 177-184. DOI: http://dx.doi.org/10.3152/095820209X466865
- Gülker, Silke / Böhmer, Susan, 2009:
- Nachwuchspolitik, in: Simon, Dagmar / Knie, Andreas / Hornbostel, Stefan (Hg.): Handbuch Wissenschaftspolitik. Wiesbaden: VS Verlag, 86-102.
- Böhmer, Susan / Hornbostel, Stefan / Meuser, Michael, 2008:
- Postdocs in Deutschland: Evaluation des Emmy Noether-Programms. Bonn: iFQ-Working Paper No.3. Download
- Hornbostel, Stefan / Böhmer, Susan / Klingsporn, Bernd / Neufeld, Jörg / von Ins, Markus, 2008:
- Funding of Young Scientist and Scientific Excellence. Scientometrics, Vol. 79, No 1, 171-190. DOI: http://dx.doi.org/10.1007/s11192-009-0411-5
- Hornbostel, Stefan / Böhmer, Susan; 2008:
- Die etwas andere Exzellenz. Evaluation des Emmy Noether-Programms. Forschung & Lehre (08/2008), 528.
- Böhmer, Susan / von Ins, Markus, 2008:
- Effects of funding on status and career of postdocs in Germany, in: Excellence and Emergence. A New Challenge for Combination of Quantitative and Qualitative Approaches, in: Books of Abstracts, 10th International Conference on Science and Technology Indicators, Sept. 17-20 2008 in Vienna, pp. 155-160.
- Reinhardt, Anke, 2008:
- Auf dem Weg zur Professur - Das Emmy-Noether Programm der DFG. Zentrale Befunde der Evaluation eines Nachwuchsförderprogramms der DFG, in: Deutsche Forschungsgemeinschaft (Hg.): DFG Infobrief, Zahlen und Fakten zur Forschungsförderung, 2/2008, 1-8. Online
- Böhmer, Susan / Hornbostel, Stefan, 2008:
- Multi-method approaches to research evaluation – experiences and results from the evaluation of the prestigious DFG-funding programme “Emmy Noether, in: Book of short Abstracts, 7th International Conference on Social Science Methodology, RC33 – Logic and Methodology in Sociology, Sept. 1-5 2008 in Neapel, p. 135.
- Böhmer, Susan, 2007:
- Wie erfolgreich ist das Emmy Noether-Programm der DFG? Beiträge zur Hochschulforschung, 4/2007, 108-139.
- Böhmer, Susan / Hornbostel, Stefan, 2007:
- Determinants for Young Researcher Careers in Germany. Comparative Evaluation of Postdoctoral Programmes, in: Proceedings of ISSI 2007. 11th International Conference of the International Society for Scientrometrics and Informetrics. CSIS, Madrid, Spain, June 25-27, 2007, 397-400.
- Böhmer, Susan, 2006:
- Brain Drain. iQ-Beitrag Online
| Projektkoordination: |
Susan Böhmer |
| Projektteam: |
Markus von Ins (Publikationsanalysen)
Jörg Neufeld (Statistik, Publikationsanalysen)
Michael Meuser (Kooperationspartner Qualitative Analysen) |
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