Das deutsche Hochschul- und Forschungssystem hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert: In der Lehre durch den Bolognaprozess, in der Forschung durch neue rechtliche Rahmenbedingungen, neue Entscheidungsstrukturen und -gremien und neue Steuerungsinstrumente mit Output-Orientierung sowie durch Profil- und Strategiebildung, intensiveren Wettbewerb um die Forschungsmittel, Internationalisierung und die Verstärkung interdisziplinärer Forschung. Nicht zuletzt hat die Exzellenzinitiative die Diskussion um eine stärkere Differenzierung des Hochschulsystems in Gang gebracht.
Wie hat sich all das auf den Forschungsalltag ausgewirkt? Wie beurteilen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Förderung der Forschung? Sind die Förderinstrumente angemessen? Wie viel Zeit investieren sie in Begutachtungen, Anträge etc.? Was halten Forschende von den laufenden Reformprozessen? Welche Rolle spielt die DFG bei der Realisierung von Forschungsideen, und wie wird die Arbeit der DFG beurteilt? Sind Fälschungen und Plagiate tatsächlich eine Bedrohung? Braucht es eine besondere Förderung „riskanter“ Forschungsvorhaben? Und wie werden die Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen und Männern beurteilt?
Dies sind nur einige der Fragen, die das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) in Kooperation mit der DFG im April/Mai 2010 im Rahmen einer Online-Befragung stellte, zu welcher über 9000 Professorinnen und Professoren deutscher Universitäten eingeladen wurden. Mehr als 3300 dieser Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hat sich an der Befragung beteiligt und ihre Erfahrungen und Meinungen mitgeteilt. Viele Facetten der Forschungsbedingungen in Deutschland wurden beleuchtet, insbesondere aber die Drittmittelforschung.
Die aktuelle WissenschaftlerInnen-Befragung des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) setzt dabei an der Tradition der DFG-Antragstellendenbefragungen an. So wurden insbesondere die Erfahrungen und Befunde der früheren DFG-Studien in der methodischen und inhaltlichen Konzeption der aktuellen Befragung aufgegriffen. Hinsichtlich der thematischen Schwerpunkte aber auch des Adressatenkreises geht die aktuelle Untersuchung deutlich über die früheren Studien hinaus.
Wissenschaftler(innen)befragungen durch die DFG fanden bisher zweimal statt. In Zusammenarbeit mit dem GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, ehemals ZUMA (Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen), wurden im Jahre 1997 sowohl Antragstellende als auch Nichtantragstellende befragt, wobei ein deutlicher Fokus auf die Einschätzungen und Wahrnehmungen der DFG-„Kunden“ gelegt wurde. Der thematische Schwerpunkt lag insbesondere auf der Beurteilung von Förderangeboten, Verfahren und Serviceleistungen der DFG. 2002 befragte die DFG erneut eine Stichprobe von Antragstellenden und Mitarbeitenden in DFG-Projekten. Diese Studie zielte besonders auf die Erfassung der Arbeitssituation in DFG-Projekten ab und bezog daher auch keine Kontroll- bzw. Vergleichsgruppe (Nichtantragstellende) ein.
In der iFQ-WissenschaftlerInnen-Befragung konnten einige der Kernthemen der 1997er Befragung insbesondere hinsichtlich der Einschätzung der Service- und Beratungsleistungen der DFG aufgegriffen werden. Die Perspektive der Nichtantragstellenden findet jedoch eine stärkere Berücksichtigung. Darüber wurden die DFG-fokussierten Fragstellungen vor dem Hintergrund der massiven Veränderungen der letzten Jahre stärker in einen Kontext übergreifender (nationaler und internationaler) wissenschaftspolitischer Entwicklungen gestellt und aus diesem heraus interpretiert. Anspruch der Untersuchung ist es, das deutsche Wissenschafts- bzw. Fördersystem aus der Perspektive der Forschenden zu beschreiben. Insofern begreifen wir die DFG mit ihrem Programmportfolio als eines unter vielen Elementen der Förder- und Forschungslandschaft.
Die Studie dient zum einen dazu, für die DFG unmittelbar handlungsrelevantes Wissen über die Beurteilungen ihres Portfolios und ihrer Beratungsleistungen, aber auch ihrer Funktion im Wissenschaftssystem insgesamt zu generieren. Gleichzeitig greift die Untersuchung aktuelle wissenschaftspolitische Diskurse auf – zum Beispiel zur leistungsorientierten Mittelvergabe, zu Exzellenzwettbewerben, zur Förderung risikoreicher Forschung, zu wissenschaftlichem Fehlverhalten etc. - und versucht vor dem Hintergrund unterschiedlicher Fachkulturen und Antragserfahrungen eine Beschreibung der aktuellen Forschungssituation zu leisten und Bewertungen der Professorenschaft zu Fördermöglichkeiten insgesamt, aber auch Reformmaßnahmen und Diskursen zu erfassen.
Untersuchungsdesign
Zielgruppe der iFQ-WissenschaftlerInnen-Befragung sind alle bei der DFG antragsberechtigten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an deutschen Universitäten (inkl. Technische Hochschulen, Medizinische Hochschulen, Pädagogische Hochschulen, Theologische Hochschulen, Kunsthochschulen). Aufgrund des problematischen Zugangs zu validen Informationen über promovierte Forschende ohne Professur wurden vor allem Professorinnen und Professoren an deutschen Universitäten berücksichtigt. Die Personen- und Kontaktinformationen wurden dem Hochschullehrerverzeichnis „Kürschners Deutscher- Gelehrten Kalender“ des De GruyterVerlages entnommen. Aus den dort gelisteten 43.292 Personen wurden zunächst Professoren und Professorinnen an Hochschulen identifiziert (N=22.337) und eine proportional geschichtete Zufallsauswahl (orientiert an Anzahl Professoren pro Forschungsbereich, Statistisches Bundesamt Deutschland) von 9.901 Personen vorgenommen. Fehlende Mailadressen wurden nachrecherchiert; Professorinnen oder Professoren ohne recherchierbare Mailadresse wurden ausgeschlossen (N=133).
Eingangsstichprobe nach Fachgebieten
DFG Wissenschaftsbereich |
DFG-Fachgebiet |
Anzahl |
| |
keine Angabe |
907 |
| Geistes- und Sozialwissenschaften |
Geisteswissenschaften |
1607 |
| Sozial- und Verhaltenswissenschaften |
1995 |
| |
3602 |
| Ingenieurwissenschaften |
Bauwesen und Architektur |
260 |
| Elektrotechnik, Informatik und Systemtechnik |
500 |
| Maschinenbau, Produktionstechnik, Werkstofftechnik, Verfahrenstechnik, Werkstoffwissenschaften |
421 |
| |
1181 |
| Lebenswissenschaften |
Agrar-, Forstwissenschaften, Gartenbau und Tiermedizin |
230 |
| Biologie |
626 |
| Medizin |
1506 |
| |
2362 |
| Naturwissenschaften |
Chemie |
386 |
| Geowissenschaften (einschl. Geographie) |
299 |
| Mathematik |
495 |
| Physik |
536 |
|
1716 |
| Gesamt |
|
9768 |
Um die interessierenden Fragestellungen möglichst detailliert behandeln zu können, ohne aber die zu Befragenden über Gebühr zeitlich zu belasten, sind einige Fragekomplexe in einem Rotationsdesign umgesetzt - d.h. etwa ein Drittel der entwickelten Fragen/Items wurde nur jeweils einem Teil der Befragten vorgelegt.
Die Befragung fand im April/Mai 2010 als Onlinebefragung statt, die in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Evaluation und Methoden (ZEM) der Universität Bonn technisch realisiert wurde.
Von den angeschriebenen 9768 Professorinnen und Professoren beteiligten sich 45 Prozent an der Befragung. Nach Ausschluss von Fragebögen mit zu hohem Anteil an fehlenden Angaben und Eingrenzung des zu berücksichtigenden Personenkreises auf Professorinnen und Professoren an deutschen Universitäten liegen unseren Auswertungen die Daten von 3131 Befragten zugrunde.
Rücklauf

Quelle: Böhmer/Neufeld/Hinze/Klode/Hornbostel 2011
Die folgenden Themenbereiche wurden im Rahmen der Befragung behandelt:
- Drittmittelaktivität der letzten 5 Jahre
- Entscheidungsprozesse der Förderer und Förderinstrumente
- Beurteilung der Entscheidungsverfahren und -kriterien
- Beurteilung der Forschungs- und Fördersituation im jeweiligen Fachgebiet
- Wissenschaftliche Integrität
- *Bedeutung von Drittmitteln
- *Beurteilung aktueller wissenschaftspolitischer Diskurse/Reformbestrebungen
- *Förderung risikoreicher Forschung
- Funktion und Aufgaben der DFG im Wissenschafts-/Forschungssystem
- Beurteilung von Beratungs-/Betreuungsleistungen der DFG
- Gutachtertätigkeiten
- *Kooperationen
- *Personalrekrutierung/ wissenschaftlicher Nachwuchs
- *Chancengleichheit
- Akademischer Werdegang/Demographie
(* modularisiert)
Die Forschungsfragen
- Antragsaktivität und -erfolge:
Bei welchen Mittelgebern und mit welchem Erfolg haben die befragten Personen in den vergangenen fünf Jahren Drittmittel beantragt? Welche Projekttypen (Einzelanträge, Verbundprojekte, Tender etc.) wurden bevorzugt beantragt?
- Antrags- und Begutachtungsprozess:
Wie gut sind die Befragten über die Fördermöglichkeiten informiert? Anhand welcher Kriterien wurde nach geeigneten Förderinstrumenten gesucht? Wie werden die Verfahren der verschiedenen Mittelgeber beurteilt?
- Wissenschaftliche Integrität:
Haben die Befragten persönliche Erfahrungen mit verschiedenen Formen wissenschaftlichen Fehlverhaltens? Nach welchen Kriterien werden Autorenschaften vergeben?
- Bedeutung von Drittmitteln:
Welche Kriterien - neben der reinen Projektfinanzierung spielen bei der Einwerbung von Drittmitteln eine Rolle? Welche Bedeutung kommt der Drittmittelakquise im Rahmen der leistungsorientierten Mittelvergabe an den Hochschulen/Fakultäten zu?
- Wissenschaftspolitische Diskurse:
Wie beurteilen die Befragten aktuelle wissenschaftspolitische Diskurse, Reformbestrebungen und Schwerpunktsetzungen?
- Risikoreiche Forschung:
Was verstehen die Befragten unter „risikoreichen Projekten“ und welche Förderinstrumente werden für geeignet gehalten, Forschungsvorhaben dieser Art zu unterstützen?
- Funktionen und Aufgaben der DFG:
Was sind aus Sicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die zentralen Aufgaben der DFG? Wie gut erfüllt die DFG diese Aufgaben? Wie zufrieden sind die Befragten mit den Betreuungs- und Beratungsleistungen der verschiedenen Arbeitseinheiten der DFG-Geschäftsstelle?
- Arbeits-/Forschungsbedingungen:
Wie sieht der Arbeitsalltag und das Aufgabenspektrum eines Forschers aus? Sind die Befragten selbst als Gutachter/Gutachterin in verschiedenen Bereichen aktiv? Welche Rolle spielen Kooperationen für die eigenen Forschungsarbeiten? Welche Erfahrungen wurden mit der Rekrutierung von Personal gemacht? Wie werden verschiedene Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen und Männern im Wissenschaftssystem bewertet?
Die WissenschaftlerInnen-Befragung wird vom iFQ im Auftrag und in Zusammenarbeit mit der DFG durchgeführt. Das Projekt hat eine Laufzeit von 2 Jahren. |