Fragile und konfligierende wissenschaftliche Evidenz im Entscheidungsfindungsprozess der Exzellenzinitiative und ihre Darstellung in den Medien
 
Probleme, Zielstellung
Im Juli 2005 beschlossen Bund und Länder die Exzellenzinitiative mit dem Ziel, „den Wissenschaftsstandort Deutschland nachhaltig zu stärken, seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und Spitzen im Universitäts- und Wissenschaftsbereich sichtbarer zu machen.“ Dieses neue Postulat der Sichtbarkeit spiegelt die mit der Exzellenzinitiative vollzogene Abkehr vom Egalitätsprinzip deutscher Universitäten zu Gunsten wettbewerblicher Differenzierung innerhalb des Hochschulsystems wider. Die Aussicht, zukünftig als „Leuchtturm der Wissenschaft“ zu gelten und die damit verbundene Reputation haben zwischen den Universitäten einen intensiven Wettbewerb angestoßen. Inoffizielle Titel wie „Elite-“ und „Exzellenzuniversität“ signalisieren eine besondere Wertschätzung, mit der sich geförderte Institutionen von den nicht geförderten absetzen.

Nach unserem Verständnis produziert die Exzellenzinitiative symbolisches Kapital entsprechend der Definition Pierre Bourdieus. Die ausführliche Berichterstattung der Medien verschafft den geförderten Einrichtungen öffentliche Wahrnehmung und Anerkennung, sodass sie weiteres Kapital akkumulieren und dadurch noch sichtbarer werden können. Nach Bourdieu wird symbolisches Kapital als „Kredit, d.h. eine Art Vorschuß, Diskont, Akkreditiv, allein vom Glauben der Gruppe jenen eingeräumt, die die meisten materiellen und symbolischen Garantien bieten.“ Übertragen auf die Exzellenzinitiative entsteht somit das Problem, erstmals Universitäten (und nicht einzelnen Forschern) wissenschaftliche Exzellenz zuzuschreiben. In den Medien wurde deshalb ausführlich darüber diskutiert, wie wissenschaftliche Exzellenz angemessen zu definieren, zu operationalisieren und zu messen sei.

Legitimation gewinnen die Auswahlentscheidungen der Exzellenzinitiative daraus, dass sie auf Grundlage von Empfehlungen international besetzter Gutachtergruppen getroffen werden („Panel Peer Review“). Die Begutachtung im Peer Review steht allerdings hinsichtlich ihrer Reliablität, Validität und Fairness in der Kritik. Entgegen der öffentlichen Erwartungen sind Entscheidungen im Rahmen des Peer Review also keineswegs eindeutig, sondern angreifbar und fragil. Zudem haben Betrugsfälle in den vergangenen Jahren auch das öffentliche Vertrauen in das Peer Review gemindert und es als Selbststeuerungsmechanismus der Wissenschaft thematisierungsbedürftig gemacht.

Der Entscheidungsprozess der Exzellenzinitiative ist zwar nicht öffentlich und verschließt sich einer systematischen Analyse. Aber Befragungen von Principal Investigators, welche an der Antragstellung beteiligt, waren, geben auch für die Exzellenzinitiative Hinweise auf Defizite – etwa hinsichtlich der Zusammensetzung und fachlichen Eignung der Gutachtergruppen sowie der Auswahlkriterien.

Die Komplexität dieser nicht-öffentlichen Bewertungs- sowie Finanzierungsprozesse erschweren den Blick von außen auf die Wissenschaft, sodass die Unterscheidung zwischen Substanz und Marketing schwierig ist. Dabei entwickelt sich vor allem die massenmediale Aufmerksamkeit zunehmend zu einem bedeutsamen Faktor im verschärften Wettbewerb um Reputation und Forschungsmittel. In der Exzellenzdebatte reduzieren Wissenschaftsjournalisten die Komplexität des Begutachtungs- und Auswahlprozesses, indem sie den Erfolg der Universitäten auf die Bezeichnung „exzellent“ zuspitzen. Dadurch sind sie unmittelbar am Prozess der Produktion symbolischen Kapitals bei der Exzellenzinitiative beteiligt. Dieses Zusammenspiel von Wissenschaft und Medien möchten wir im Rahmen unseres Projekts untersuchen.

Methodisches Vorgehen
In Anlehnung an die Soziologie Bourdieus analysieren wir das mediale Framing zur Exzellenzinitiative. Nach dem Framing-Ansatz machen Medien Ereignisse und Themen für den Diskurs nutzbar, indem sie einzelne Aspekte auslassen oder andere hervorheben und Sachverhalten damit eine bestimmte Bedeutung verleihen. Frames stellen die empirisch messbaren Spuren dieses Verhaltens in der Medienberichterstattung dar. Für unsere Analyse nutzen wir die Frame-Definition Entmans.

Wir untersuchen das mediale Framing zur Exzellenzinitiative der fünf auflagenstärksten deutschen Tageszeitungen (Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt, Frankfurter Rundschau, die tageszeitung), der Wochenzeitung Die Zeit sowie des Tagesspiegels als Beispiel für eine eher lokal ausgerichtete Berichterstattung. Der Analysezeitraum setzt ein mit dem Vorschlag der damals regierenden SPD zur Etablierung von Elite-Universitäten im Januar 2004 und  am 31.12.2008. Dem medialen Framing vorausgegangen war eine quantitative Vorstudie, die mittels multipler Korrespondenzanalyse ausgewertet wurde und Informationen über diskurbestimmende Akteure und Themen im medialen Diskurs zur ExIn lieferte. Die Ergebnisse lieferten wertvolle Informationen für die Konstruktion des Kodierbuches für die Framing-Analyse.

Die Theorie Pierre Bourdieus liefert Werkzeuge, um neben der Berichterstattung als Resultat journalistischen Handelns auch deren Entstehungprozess zu untersuchen. Theoretischer Anknüpfungspunkt ist der habitus als Erzeugungsprinzip für die journalistische Praxis. Hier besteht Anschluss an theoretische Überlegungen der Kommunikationswissenschaft. Wir favorisieren zur Analyse ein qualitatives Vorgehen und planen Leitfaden-Interviews mit jenen Redakteuren der in die Framing-Analyse einbezogenen Medien, welche über die Exzellenzinitiative berichten.