Schlagwörter des Wissenschaftssystems…
iFQ – Die Bedeutung von Schlüsselkompetenzen im Bologna-Prozess (Anne-Marie Scholz)

Die Bedeutung von Schlüsselkompetenzen im Bologna-Prozess
Anne-Marie Scholz © April 2009

Seit einigen Jahren gewinnt auch an Universitäten die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen (Soft Skills) an Bedeutung. Der Erwerb ausschließlich fachlich-berufsrelevanten Wissens (Hard Skills) im Rahmen der Hochschulausbildung wird zunehmend ergänzt um persönliche berufliche Handlungskompetenzen, die aus dem Zusammenwirken von Fach-, Methoden-, Sozial- und Individualkompetenzen be- und entstehen. Gründe hierfür sind einerseits in der Erfüllung der Anforderungen des wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Arbeitsmarktes zu sehen, der verstärkt nach derartigen Kompetenzen verlangt. Andererseits avancieren Wissen und Schlüsselkompetenzen im sich derzeit vollziehenden Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft zu einem international wichtigen und wettbewerbsrelevanten „Produktionsfaktor“ für die Hochschulen. Mit den Reformbemühungen des Bologna-Prozesses erfährt der Erwerb von Schlüsselkompetenzen als Voraussetzung für die Bewältigung v. a. beruflicher Herausforderungen zunehmend Beachtung und hält Einzug in die Gestaltung der universitären Ausbildung zukünftiger Arbeitskräfte – sowohl für den wissenschaftlichen als auch nicht-wissenschaftlichen Bereich. Gleichzeitig fordern Industrie und Wirtschaft seit Jahren die Verkürzung der Studienzeiten einerseits und die Erweiterung des Kompetenz-Portfolios andererseits. Es ist allerdings davon auszugehen, dass es nicht möglich sein wird, ein „Mehr“ an individuellen (Schlüssel-)Kompetenzen mit einem „Weniger“ an Studienzeit zu vereinbaren.

Während Fachkompetenzen (Hard Skills) mittels einer Addition von Ausbildung erworben werden können und für die Ausübung eines spezifischen Berufes qualifizieren (vgl. Woschnack/Mieg 2003), sind Schlüsselkompetenzen (Soft Skills), die neben dem praktischen (Erfahrungs-)Wissen zum impliziten Wissen zählen (vgl. Willke 2001), nur eingeschränkt interpersonell erlernbar (vgl. Polanyi 1985). Abgesehen von wenigen Fähigkeiten wie Präsentations- oder Rhetoriktechniken können Schlüsselkompetenzen nicht einfach in Seminaren erlernt, sondern nur aufgrund von Erfahrungen bzw. durch „learning by doing“ generiert werden. Da es sich hierbei um relativ lang verwertbare Kenntnisse, Fertigkeiten, Strategien und Werthaltungen handelt, die berufs- und funktionsübergreifend einsetzbar sind (vgl. Beck 1993, Woschnack/Mieg 2003), sind sie für die berufliche Handlungskompetenz von großer Bedeutung. Sie befähigen nicht nur zur Lösung komplexer Probleme, sondern sind auch beim Erwerb neuer Kompetenzen von Nutzen (Bildungskommission NRW 1995, Rychen/Salganik 2003: 41ff.) und somit für die Berufsbefähigung des Einzelnen von zentraler Bedeutung.

Mit der Zielsetzung, Berufsbefähigung (Employability) von Hochschulabsolventinnen und -absolventen sicher zu stellen und dadurch gleichzeitig die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Hochschulen zu fördern, haben Europas Bildungsminister den Bologna-Prozess initiiert. Berufsbefähigung zeichnet sich aus durch „a set of achievements – skills, understandings and personal attributes – that make graduates more likely to gain employment and be successful in their chosen occupations, which benefits themselves, the workforce, the community and the economy” (BUFG 2004). In zunehmendem Maße stehen Hochschulen also vor der Aufgabe, Kursangebote und Studienprogramme an die sich verändernden Anforderungen des Arbeitsmarktes anzupassen und „Schlüsselkompetenzen“ zu vermitteln, die eine Berufsbefähigung nachhaltig sichern. Um die angestrebten Ziele zu erreichen, wurden in Deutschland Ende der 1990er Jahre die Studienabschlüsse Bachelor (erster Zyklus) und Master (zweiter Zyklus) eingeführt und eine damit einhergehende stärkere Strukturierung und Modularisierung des Studiums forciert. Gleichzeitig wird dadurch eine Verkürzung der Studienzeiten angestrebt. Schon in der Bachelor-Phase, die bereits nach sechs Semestern zu einem berufsqualifizierenden Abschluss führt, wird darauf abgezielt, den Studierenden neben dem fachlichen Wissen in großem Umfang überfachliche Fähigkeiten zu vermitteln und die Absolventinnen und Absolventen somit für die Anforderungen des Arbeitsmarktes zu wappnen und ihre Kompetenzen an die Wünsche der zukünftigen Arbeitgeber anzupassen. Mehrere hierzu durchgeführte Studien belegen, dass die Arbeitgeber in erster Linie das Vorhandensein von Soft Skills und individuellen Eigenschaften wie Eigenmotivation und Lernbereitschaft von den Bachelor-Absolventen erwarten (vgl. DIHK 2004, http://www.bok.uni-freiburg.de).

Vor der Umsetzung des Bologna-Prozesses waren bei der Generierung überfachlicher Kompetenzen in erster Linie das Engagement und die Eigeninitiative der Studierenden gefragt. Seminare und Kurse, in denen Schlüsselkompetenzen generiert werden konnten, gehörten nicht zum Studienplan. Sie wurden lediglich studienbegleitend von den Universitäten angeboten und konnten fakultativ besucht werden. Darüber hinaus wurden die sich aus den persönlichen Bedarfen der Studierenden ergebenden notwendigen Soft Skills hauptsächlich durch „training on the job“ (z.B. in Tätigkeiten während des bzw. neben des Studiums) erworben.

In den Curricula der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge, mittlerweile aber auch in einigen Promotionsstudiengängen, werden studienübergreifende Fertigkeiten häufig in Pflichtseminaren vermittelt, deren Besuch nicht zuletzt auch mit dem Erwerb von Creditpoints verbunden ist. Eine auf den persönlichen Bedarf der/des Studierenden ausgerichtete Kompetenzvermittlung ist auf diese Art und Weise allerdings nicht möglich. Darüber hinaus tragen die im Rahmen der strukturierten Programme angebotenen Soft Skill-Kurse bestimmten disziplinspezifischen Anforderungen in vielen Fällen nicht Rechnung, da sie häufig auf Studierende verschiedener Fachrichtungen zugeschnitten sind. Anhand einer Recherche der Studienangebote von im Rahmen der Exzellenzinitiative geförderten Graduiertenschulen ließen sich fünf zentrale Kompetenzen identifizieren, deren Vermittlung stark zwischen Fächern variiert. Während in den Ingenieurwissenschaften vielfach soziale Kompetenzen vermittelt werden, finden sich im Angebot geisteswissenschaftlicher Graduiertenschulen häufig Kurse zur Erlangung interkultureller Kompetenz. In den Natur- und Lebenswissenschaften richtet sich der Fokus zusätzlich auf die Vermittlung von Personal- und Sozialkompetenzen. Eines ist den Graduiertenschulen aller Fachrichtungen gemein: Sie bieten Soft Skill-Kurse an, in denen Methoden- und Fachkompetenzen vermittelt werden.

Die verstärkte Strukturierung der Studiengänge und die Verkürzung der Studiendauer führen dazu, dass den Studierenden weniger Zeit bleibt, außerhalb des Studienplans – in Form von Auslandssemestern oder „training on the job“ – eigene Erfahrungen zu sammeln und dadurch individuelle, überfachliche Kompetenzen zu entwickeln.

Vor diesem Hintergrund bleibt abzuwarten, ob die qualitativ hohen Ansprüche des wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Arbeitsmarktes zukünftig erfüllt werden können. Die deutschen Hochschulen „produzieren“ durch die Umsetzung des Bologna-Prozesses zwar eine höhere Zahl an Absolventinnen und Absolventen, es ist aber fraglich, ob die bloße Integration von Soft Skill-Kursen in Studienprogramme ausreicht, um eine Berufsbefähigung herzustellen, die den Anforderungen zukünftiger Arbeitgeber genügt.

Literatur

Beck, Herbert, 1993: Schlüsselqualifikationen. Bildung im Wandel. Darmstadt: Winklers.
Bildungskommission NRW, 1995: Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft. Denkschrift der Kommission 'Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft' beim Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen. Berlin: Luchterhand.
Bologna Follow-up Group (BUFG), 2005: From Berlin to Bergen. General Report of the Bologna Follow-up Group to the Conference of European Ministers Responsible for Higher Education Bergen, 19-20 May 2005, 16. Online: http://www.bologna-bergen2005.no/Bergen/050503_General_rep.pdf
Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK), 2004: Fachliches Können und Persönlichkeit sind gefragt. Ergebnisse einer Umfrage bei IHK-Betrieben. Erwartungen der Wirtschaft an Hochschulabsolventen. Online: http://www.ihk-aachen.de/de/weiterbildung/download/bw_004.pdf
Polanyi, Michael, 1985: Implizites Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Rychen, Dominique Simone / Salganik, Laura Hersh (Hg.), 2003:Key Competencies for a Successful Life and Well-Functioning Society. Göttingen: Hogrefe & Huber.
Woschnack, Ute / Mieg, Harald A., 2003: Fachwissen – Expertise – Schlüsselqualifikationen. Arbeit. Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik, Heft 1, Jg. 12, 54-67.
Willke, Helmut, 2001: Systemisches Wissensmanagement. Stuttgart: Lucius&Lucius.