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iFQ - Brain Drain (Susan Böhmer)

Brain Drain
Susan Böhmer © Oktober 2006

1. Hintergrund

Als "Brain Drain" wird die Abwanderung hochqualifizierter Fach- und Führungskräfte ins Ausland bezeichnet. Die Gegentendenz, die Zuwanderung von Spitzenkräften bzw. die Rückgewinnung deutscher Fachkräfte für den deutschen Arbeitsmarkt, fasst man unter der Begrifflichkeit "Brain Gain".

In Deutschland spielt - vor dem Hintergrund einer zunehmend global agierenden Wirtschaft und deren wachsendem Bezug auf die Ergebnisse von Wissenschaft und Forschung - die Sorge um eine dauerhafte Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte auch für den Bereich der Wissenschaft eine immer bedeutsamere Rolle. Seit Ende der 90er Jahre findet diese Brain Drain-„Problematik“ zunehmende Aufmerksamkeit in der wissenschaftspolitischen Diskussion. Die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort scheint durch hohe Verluste von „intellektuell-innovativem Potential“ gefährdet.

Folgende wissenschaftspolitische Forderungen werden immer wieder daraus abgeleitet (siehe Quellen):

  1. Die Bedingungen für hochqualifizierte Fachkräfte in Deutschland müssen verbessert werden, um das Potential deutscher Spitzenkräfte für die eigene Forschung und Wissenschaft nutzen zu können.
  2. Die Attraktivität Deutschlands als Wissenschaftsstandort muss gestärkt werden, um aktiv Fachpersonal aus anderen Ländern anzuwerben.
  3. Für im Ausland tätige deutsche Wissenschaftler müssen Anreize für eine Rückkehr ins deutsche Wissenschaftssystem geschaffen werden.

Aber: Wie stark ist die Abwanderungstendenz wirklich? Ab welcher Verbleibsdauer kann von einem "dauerhaften Verlust" von Fachkräften gesprochen werden? Welche Motive geben Wissenschaftler für eine Tätigkeit in einem anderen Land an? Und was macht einen Wissenschaftsstandort attraktiv?

 

2. Zahlen & Fakten

Den Befürchtungen, der Standort Deutschland könnte durch eine negative Migrationsbilanz von Spitzenwissenschaftlern dauerhaft geschwächt werden, liegen jedoch bisher nur wenig belastbare Daten zugrunde. Erste quantitative Aussagen über das tatsächliche Abwanderungs- bzw. Zuwanderungsvolumen von Personen mit Hochschulabschluss können dem neuesten Migrationsbericht der OECD (2006) entnommen werden.

Quelle: OECD 2006: 46ff. (hier: Auswahl von wesentlichen Industrienationen bzw. Referenzländern)

Im OECD-internen Vergleich findet sich Deutschland hier eher im Mittelfeld wieder. Als "Gewinner" zeigen sich (nicht überraschend) Australien, Kanada, die Schweiz und die USA. Deutliche Verluste an wissenschaftlichen Fachkräften zeichnen sich in den osteuropäischen Ländern ab, die ihr Personal sowohl an die USA, als auch an das "alte" Europa verlieren und kaum Zuwanderungen aus anderen Staaten verzeichnen können. Derart dramatische Befunde sind für Deutschland hier nicht zu finden. Da im Rahmen dieser Darstellungen leider keine dezidierten Zahlen zu Abwanderungen aus den OECD-Staaten in sonstige Länder gegeben werden, kann hier kein endgültiger Saldo dargestellt werden.

Die Anwerbung hochqualifizierter Arbeitskräfte aus anderen Ländern hat in den letzten Jahren an politischer Relevanz zugenommen und zur Entwicklung von Steuerungsmaßnahmen in vielen Staaten geführt: VISA-Bedingungen wurden angepasst, Arbeits- bzw. Erwerbsgenehmigungsverfahren überarbeitet und die Mitnahme naher Familienangehöriger vereinfacht. Auch in der EU wurden im Oktober 2005 Richtlinien verabschiedet, die die Zulassungsverfahren von Forschern aus Drittstaaten erleichtern sollen. Die aktuellen Entwicklungen in Großbritannien zeigen, dass eine ungünstige Migrationsbilanz sich nicht zu einem festen Trend stabilisieren muss und durch politische Maßnahmen positiv beeinflusst werden kann.

Die Interpretation von Migrationsstatistiken wird dadurch erschwert, dass die Grenze zwischen Brain Drain und der gerade im Wissenschaftsbereich erwünschten internationalen Mobilität kaum zu ziehen ist. Dies zeigt sich auch an den in verschiedene Richtungen weisenden Programmen, die von Bund, Ländern und Forschungsförderern im Bereich "Wissenschaftlicher Nachwuchs" aufgelegt werden. Durch die Einführung der Juniorprofessur und dem Schaffen ähnlicher beruflicher Zwischenstufen für erfahrene Wissenschaftler auf dem Weg zur Berufung sollen die Karriereperspektiven für exzellente Wissenschaftler verbessert und die Strukturen flexibilisiert werden. Zum typischen Karriereweg von aufstrebenden Wissenschaftlern und Forschern sind internationale Vernetzungen und Auslandsaufenthalte inzwischen unabdingbare Voraussetzung. In Kenntnis dessen werden durch die verschiedenen Forschungsförderer vielfältige Stipendien zur Förderung von Auslandsaufenthalten angeboten. Der Aspekt der "Internationalen Sichtbarkeit" der deutschen Forschung, wie sie bspw. aktuell in der Exzellenzinitiative gefordert wird, ist nur ein Beispiel dafür, wie stark die Bereiche "Internationale Kooperationen" und Aufwertung bzw. Stärkung des deutschen Wissenschaftssektors ineinander greifen.

In der Befragung der ehemaligen DFG-Stipendiaten (Enders und Mugabushaka 2002) konnten keine dramatischen Hinweise darauf gefunden werden, dass die aktive Förderung von Auslandsaufenthalten zu verstärkten Brain Drain-Effekten führt. Nur 15% der Befragten waren vier Jahre nach Auslaufen des Stipendiums im Ausland tätig, darunter kein einziger Forscher aus dem Wissenschaftsbereich "Ingenieurwissenschaften", in welchem die stärksten Nachwuchsprobleme geäußert werden. Dennoch wurden durch die Autoren Anzeichen eines schwachen Trends für die Zunahme der Abwanderungsbereitschaft von Wissenschaftlern gefunden: unter den jüngeren Befragungskohorten waren mehr Wissenschaftler zu finden, die 12 Monate und mehr im Ausland tätig sind.

Im Folgenden wollen wird der Frage nachgegangen, welche Länder für deutsche Wissenschaftler attraktiv sind und welche Gründe für die Migrationsbereitschaft gefunden werden können.

 

3. Bevorzugte Gastländer deutscher Wissenschaftler

Die Darstellung der bevorzugten Zuwanderungsziele für deutsche Wissenschaftler bietet keine Überraschungen: die USA, Großbritannien und die Schweiz sind die beliebtesten Zuzugsländer deutscher Wissenschaftler.

Quelle: Stifterverband 2002; Enders und Mugabushaka 2002 (hier: Auswahl der am häufigsten genannten Gastländer)

Diese Ergebnisse korrespondieren mit der bereits dargestellten OECD-Statistik zu den Migrationsbewegungen innerhalb der OECD – auch wenn wir die Blickrichtung ändern und danach fragen, aus welchen die in Deutschland tätigen internationalen Wissenschaftler stammen.

Quelle: Stifterverband 2002 (hier: Auswahl der am häufigsten genannten Herkunftsländer)

 

4. Motive für eine berufliche Tätigkeit im Ausland

Die Motive für die Aufnahme einer Tätigkeit in einem anderen Land ähneln sich zwischen deutschen Akademikern im Ausland und ausländischen Wissenschaftlern in Deutschland und sind in der Regel eine Mischung aus wahrgenommenen Defiziten im Heimatland und der Attraktivität von Arbeitsmöglichkeiten im Gastland. In den wissenschaftspolitischen Diskussionen in Deutschland werden sehr stark die starren und begrenzten Karrieremöglichkeiten für Nachwuchswissenschaftler als Grund für die Abwanderungsbewegungen fokussiert. Diese stellen zwar ein wichtiges Motiv für die Abwanderung deutscher Wissenschaftler dar, werden jedoch ergänzt durch die Attraktivität der gewählten Einrichtungen und deren Forschungsschwerpunkte.

Quelle: Stifterverband 2002 (hier: Auswahl der am häufigsten genannten Motive & Vergleichsregionen)

Für alle Befragungsgruppen spielen das Renommee der Einrichtung und die Möglichkeit der Platzierung des eigenen Forschungsthemas eine wesentliche Rolle. Während amerikanische Wissenschaftler sehr häufig aus privaten Gründen nach Deutschland kommen, werden die Wissenschaftler aus den osteuropäischen Ländern stark durch die in Deutschland vergleichsweise guten Ausstattungs- und Arbeitsbedingungen motiviert. Eine belastbare Bestätigung des wissenschaftspolitischen Kanons, begrenzte Karrieremöglichkeiten und -perspektiven veranlassen deutsche Wissenschaftler ins Ausland zu gehen, kann hier nicht gefunden werden. Ähnliche Ergebnisse lassen sich auch bei den befragten ehemaligen DFG-Stipendiaten finden, auch unter der Fragestellung des retrospektiv eingeschätzten Nutzens eines Auslandaufenthaltes stehen hier stark mit dem Forschungsthema verbundene Einschätzungen im Vordergrund.

Fazit 1
Die Erstentscheidung deutscher Wissenschaftler für die Aufnahme einer Tätigkeit im Ausland scheint im wesentlichen durch Erwägungen die eigene Karriereplanung betreffend motiviert zu sein und resultiert nur schwach aus wahrgenommenen Defiziten des deutschen Wissenschaftssystems, sondern eher aus der Wahl renommierter Einrichtungen, an denen das eigene Forschungsthema vertieft werden kann. Der Weggang aus Deutschland könnte also im Wesentlichen auf die zunehmende Internationalisierung des Forschungsraumes und den damit einhergehenden Mobilitätserfordernissen gegründet sein.

Als zweiten wichtigen Problemkreis innerhalb der "Brain Drain"-Diskussionen haben wir zu Beginn einen unzureichenden "Brain Gain" benannt. "Brain Gain" meint die Anwerbung hochqualifizierter internationaler Wissenschaftler für die deutsche Forschung. Abbildung 4 können Anhaltspunkte darüber entnommen werden, was den Standort Deutschland für Forscher aus den unterschiedlichen Herkunftsregionen attraktiv macht. Danach bestehen bezüglich osteuropäischer Spitzenforscher aufgrund der Arbeitsbedingungen in den Herkunftsländern (noch) keinerlei Rekrutierungsprobleme. Aspekte, die jedoch für Wissenschaftler aller Staaten eine wesentliche Rolle spielen, sind das Renommee von Einrichtungen und die Möglichkeit, das eigene Thema vertiefend zu bearbeiten. Hierfür lassen sich nur schwer empirische Daten finden um Deutschland international zu verorten, jedoch finden sich schwache Hinweise für Defizite Deutschlands (insbesondere das Renommee der Hochschulen betreffend) in den Ergebnissen des Stifterverbandes. Besonders die in Deutschland tätigen amerikanischen Wissenschaftler beurteilen ihre Einrichtungen nur gedämpft positiv, wobei sich das Renommee der außeruniversitären Institute etwas positiver darstellt als das der Universitäten und Hochschulen (Abb. 5.1). In den USA tätige deutsche Forscher hingegen bewerten die amerikanischen Einrichtungen an denen sie tätig sind durchweg positiver (Abb. 5.2), zudem ist hier nicht der deutliche Vorsprung der außeruniversitären Institute zu finden. Um diese Anhaltspunkte als Befunde zu verdichten, wären jedoch ergänzende Auswertungen notwendig, die eine Fächerdifferenzierung berücksichtigen.

 
Abbildung 5.1: Bewertung deutscher Forschungs-
einrichtungen durch Wissenschaftler aus den USA
Abbildung 5.2: Bewertung amerikanischer Forschungs-
einrichtungen durch Wissenschaftler aus Deutschland
  (Bewertung auf einer 5-stufigen Likert-Skala: 'exzellent'/'sehr gut')
 

 außeruniversitär      universitär
Quelle: Stifterverband 2002

Fazit 2

Bei der Frage, warum internationale Wissenschaftler nach Deutschland kommen bzw. wie diese aktiv gewonnen werden könnten, sollte zwischen den präferierten Vergleichsländern (USA, UK, Schweiz) und anderen, insbesondere mittel- und osteuropäischen Staaten unterschieden werden. Während für amerikanische und englische Wissenschaftler private Gründe und die Weiterführung der eigenen Arbeit an renommierten Einrichtungen die wesentliche Rolle zu spielen scheinen, sind für Wissenschaftler aus den anderen Ländern (insbesondere Mittel-/Osteuropa) auch Aspekte der besseren Arbeitsbedingungen, die sie in Deutschland vorfinden, entscheidend. Da sich das Renommee der gewählten Einrichtung als ein wesentliches Element herauskristallisiert hat, sich aber gleichzeitig Anzeichen für ein unzureichend gutes Image deutscher Hochschulen finden lassen, könnten hier die stärksten Verbesserungspotentiale des deutschen Wissenschaftssystems liegen.

Ein letzter, bisher nur indirekt beschriebener Aspekt des "Brain Grain" ist die Rückgewinnung im Ausland tätiger deutscher Wissenschaftler. Dies scheint für die dargestellte Problematik der interessanteste Personenkreis zu sein, da es sich hier um Wissenschaftler und Forscher handelt, die (1) über ausreichende (geforderte) Auslandserfahrungen verfügen, welche (2) in der Regel eine gute Vernetzung mit international agierenden Forschergruppen aufweisen und denen (3) ausgezeichnete Forscherqualitäten und persönliche Durchsetzungsfähigkeit unterstellt werden kann, da sie sich langfristig auf "unbekanntem Terrain" behaupten konnten.

Welche Bedingungen müssten gegeben sein, um hochqualifizierte deutsche Wissenschaftler zu einer Rückkehr zu bewegen? Auch hierzu bieten die Ergebnisse des Stifterverbandes Hinweise, die bereits unter anderen Fragestellungen als wesentliche Faktoren für die Attraktivität eines Standortes als wichtig hervorgetreten sind: berufliche Perspektiven und Karrierechancen.

Quelle: Stifterverband 2002 (hier: Auswahl der am häufigsten genannten Motive & Vergleichsregionen)

Fazit 3
Während die Abwanderung deutscher Wissenschaftler nur zum Teil durch Defizite der Arbeits- und Karrierebedingungen in Deutschland motiviert ist, scheinen sich in diesen Bereichen die größten Potentiale zur Rückgewinnung deutscher Forscher für das inländische Wissenschaftssystem aufzutun. Vor allem der wahrgenommene Mangel adäquater Stellen für den Forscher selbst, aber auch dessen Lebenspartner und die vergleichsweise starren Karrieremöglichkeiten könnten die Wissenschaftler zu einem dauerhaften Verbleib im Gastland veranlassen. Damit finden wir nur für diese Gruppe an Forschern eine Bestätigung für die wissenschaftspolitische Betonung der mangelnden Karriereperspektiven für Nachwuchswissenschaftler in Deutschland als Hauptgrund für den Verlust von personellen Ressourcen im Wissenschaftssystem und der damit einhergehenden Schwächung des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandortes Deutschland.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass aus der Analyse der zugrunde liegenden Untersuchungen keine eindeutigen Hinweise für einen dramatischen Verlust an deutschen Spitzenwissenschaftlern gefunden werden konnten. Die zu Recht zunehmend thematisierten Arbeits- und Karrierebedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland scheinen sich weder als Hauptgrund für die Erstaufnahme einer Tätigkeit in Ausland noch für die zögerliche Zuwanderung ausländischer Wissenschaftler nach Deutschland hervorzuheben. Für die Rückgewinnung all jener Wissenschaftler, die sich bereits an ausländischen Instituten etabliert haben, sind diese wahrgenommenen Defizite jedoch von zentraler Bedeutung.

Um differenziertere Aussagen zu den Effekten von unterstellten Abwanderungstendenzen treffen zu können, müsste (1) der Zeitraum bestimmt werden, der eine Definition (über das Sammeln von Auslandserfahrungen hinaus) einer dauerhaften Ab- bzw. Zuwanderung erlaubt und (2) disziplinenspezifisch geklärt werden, inwieweit deren Nachwuchsprobleme tatsächlich aus einer Migrationsneigung des Fachpersonals resultieren.

Literatur

Download Allmendinger, Jutta / Eickmeier, Andrea, 2003: Brain Drain. Ursachen für die Auswanderung akademischer Leistungseliten in die USA. Beiträge zur Hochschulforschung 2/2003, 26-34. [Stand: 31.10.2006]
Download Enders, Jürgen / Mugabushaka, Alexis-Michel, 2004: Wissenschaft und Karriere. Erfahrungen und Werdegänge ehemaliger Stipendiaten der DFG. Bonn: DFG. [Stand: 31.10.2006]
Download Janson, Kerstin / Schomburg, Harald / Teichler, Ulrich 2006: Wissenschaftliche Wege zur Professor oder ins Abseits? Strukturinformationen zu Arbeitsmarkt und Beschäftigung an Hochschulen in Deutschland und den USA. Kassel: INCHER. [Stand: 31.10.2006]
Download OECD, 2006: Internationaler Migrationsausblick. (Original: International Migration Outlook) [Stand: 31.10.2006]
Download Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, 2002: Brain Drain – Brain Gain. Eine Untersuchung über internationale Berufskarrieren. (Durchgeführt von der Gesellschaft für Empirische Studien: Beate Backhaus, Lars Ninke, Albert Over). [Stand: 31.10.2006]

 

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