Schlagwörter des Wissenschaftssystems…
iFQ - Die Leistungsorientierte Mittelvergabe (LOM) in der deutschen Hochschulmedizin (Jörg Neufeld)

Die Leistungsorientierte Mittelvergabe (LOM) in der deutschen Hochschulmedizin
Jörg Neufeld © Juli 2009

Öffentliche Mittel für Forschung und Lehre wurden bis in die 1980er Jahre im Wesentlichen nach Bedarf bzw. auf der Basis der Verausgabungen im vorangehenden Haushaltsjahr vergeben. Die sich im Zuge der Bildungsexpansion weiter erhöhenden Studierendenzahlen und eine gleichzeitige Verknappung der Ressourcen führten seit den 1980er Jahren zur Diskussion über neue Verteilungslogiken im deutschen Hochschulsystem. In den 1990ern wurden dann unter den Vorzeichen des New Public Managements (NPM) zunehmend an marktwirtschaftlichen Strukturen orientierte Verfahren auf Basis des Leistungsprinzips eingeführt. Über die Einführung wettbewerbsähnlicher Strukturen sollten von nun an Leistungsanreize gesetzt werden. Dies setzt zum einen eine weitgehende Autonomie der beteiligten Akteure hinsichtlich der Verwendung der ihnen zur Verfügung gestellten Mittel voraus (Einführung von Globalhaushalten). Zum anderen bedarf es der Verständigung über geeignete Leistungskriterien zwischen den wissenschaftspolitischen Akteuren.
Die Abkehr von einer starren, auf historisch gewachsenen Verteilungsmustern basierenden Mittelzuweisung und die Einführung von Mechanismen der leistungsorientierten Mittelvergabe (LOM) seit Mitte der 1990er Jahre findet – wenn auch nicht flächendeckend – sowohl zwischen den Hochschulen als auch innerhalb der Hochschulen statt. Innerhalb der Hochschulen wurden LOM-Systeme für die Mittelverteilung sowohl zwischen den Fakultäten und Fachbereichen als auch innerhalb der Fakultäten selbst eingeführt. Dabei vergeben die einzelnen Länder jedoch unterschiedlich große Anteile der zur Finanzierung der Hochschulen vorgesehenen Mittel nach Leistungskriterien.
Im Bereich der Hochschulmedizin wurden diese neuen Vergabemechanismen vergleichsweise zügig und umfangreich, wenn auch nicht auf allen Ebenen, eingeführt. Seit Ende der 1990er Jahre wird angestrebt, einen zunehmenden Teil (20-40%) (s. Wissenschaftsrat 2007: Allgemeine Empfehlungen zur Universitätsmedizin) der Landeszuführungsbeträge (Mittel der Landeshaushalte zum Betrieb der Hochschulmedizin) leistungsorientiert an die jeweiligen Fakultäten zu vergeben. Die Einführung wettbewerbsähnlicher Strukturen auf Landesebene wird bisher nicht von allen Ländern und auch nicht in gleicher Weise umgesetzt (vgl. Landkarte Hochschulmedizin 2007). Unterschiede bestehen vor allem hinsichtlich der verwendeten Instrumente, Kriterien und Indikatoren sowie deren Gewichtung. Für Länder wie Hamburg, Saarland usw. mit nur einer Medizinischen Fakultät sind die Möglichkeiten einer leistungsorientierten Mittelvergabe zwischen den Universitätskliniken bzw. Fakultäten ohnehin begrenzt.
Für den Bereich der Lehre beinhalten die auf Länderebene geltenden Leistungskriterien Bewertungen durch Studierende, Prüfungsleistungen (IMPP 1), Absolventenzahlen, Promotionen und Habilitationen. Für den Bereich der Forschung werden in erster Linie Publikationen in Fachzeitschriften sowie (verausgabte) Drittmittel als Leistungsindikatoren verwendet. Auch Kennzahlen zur Gleichstellung und zur Nachwuchsförderung gehen in die Berechnung der Mittelzuweisung ein (z. B. in Nordrhein-Westfalen).

LOM innerhalb der medizinischen Fakultäten
Seit 2004 werden an sämtlichen medizinischen Fakultäten in Deutschland Teile des Landeszuführungsbetrages nach Leistungskriterien an die Abteilungen/Kliniken vergeben. Die Modelle der fakultätsinternen LOM spiegeln dabei teilweise die LOM der Länder wider. Auch fakultätsintern werden im Bereich der Forschung Outputindikatoren wie Publikationen und die Verausgabung von Drittmitteln als Leistungskriterien verwendet (ex post). Darüber hinaus vergeben einige Fakultäten in kleinerem Rahmen auch Mittel auf Antragsbasis und nach Zielvereinbarungen (ex ante). Grundsätzlich variieren die Modelle zwischen den Fakultäten – vor allem in Bezug auf die Gewichtung einzelner Kennzahlen – relativ stark.

Drittmittel als Leistungsindikator
Drittmittelaufkommen (bzw. –ausgaben) von Hochschulen und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen werden oft als Leistungs- bzw. Qualitätsindikator gesehen. Das Argument hierfür findet seine Begründung in den der Förderentscheidung zugrunde liegenden Peer Review-Verfahren. In Abhängigkeit von der jeweiligen Förderorganisation werden nur Anträge bewilligt, denen von unabhängigen Fachexperten eine ausreichende/hohe Qualität zugesprochen wird. Bei der Berücksichtigung der eingeworbenen bzw. verausgabten Drittmittel als Leistungskriterium erfolgt an den medizinischen Fakultäten in der Regel zusätzlich eine Gewichtung nach Drittmittelgeber, wobei Mitteln der DFG durchgängig das höchste Gewicht zugeschrieben wird. Ähnliches gilt in der Regel auch für Mittel, die beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eingeworben wurden. Als Grundlage für diese Gewichtung werden gemeinhin unterschiedlich strenge Review-Verfahren genannt; es ist zu bemerken, dass diese sich im Falle der DFG im Vergleich zu anderen Förderorganisationen jedoch nicht in niedrigeren Bewilligungsquoten widerspiegeln.

Publikationen als Leistungsindikator
Publikationen als Indikator wissenschaftlichen Outputs werden in der medizinischen Forschung (und auch in anderen Fachgebieten) nicht nur quantitativ, sondern entsprechend der Bedeutung (Impact) der Fachzeitschrift, in der sie erscheinen, auch qualitativ bewertet. Dazu wird eine Publikation im einfachsten Fall mit dem Journal Impact Factor (JIF) der entsprechenden Fachzeitschrift gewichtet (vgl. iQ-Beitrag Lewandowski 2006: Journal Impact Factor ) Der JIF beschreibt dabei die mittlere Häufigkeit, mit der ein Artikel dieser Zeitschrift in einem Zeitraum von drei Jahren (Erscheinungsjahr plus die zwei darauf folgenden Jahre) zitiert wird. Darüber hinaus gilt als weiteres Qualitätsmerkmal von Publikationen oder Artikeln, wenn der Zeitschrift ein Peer Review-Verfahren zugrunde liegt, d. h. unabhängige Fachgutachter über die Veröffentlichungswürdigkeit eines eingereichten Manuskripts befinden und eine entsprechende Empfehlung an die Redaktion abgeben (s. auch iQ-Beitrag „Peer Review“, Reinhart 2006).
Die Bewertung der Publikationsleistung bzw. die Gewichtung der einzelnen Artikel erfolgt in den LOM-Systemen der medizinischen Fakultäten nicht einheitlich und reicht von der einfachen Aufsummierung der JIFs bis hin zu relativ komplexen Formeln, in denen zum Teil auch die „tatsächliche“ 2 Anzahl der Zitationen, die eine Publikation erreicht, berücksichtigt wird.
Das dem Anschein nach relativ eindeutige Kriterium „JIF“ für die „Qualität“ einer Publikation birgt jedoch methodische Probleme und ist in der Scientific Community durchaus umstritten. So ist der einfache Schluss von der Anzahl der Zitationen, die eine „durchschnittliche“ Publikation eines bestimmten Journals generiert, auf die Qualität einer bestimmten in diesem Journal erscheinenden Publikation problematisch, da die Verteilung der Zitationen auf die in einer Zeitschrift erschienenen Artikel in der Regel extrem schief ist. D. h., oft generieren sehr wenige Publikationen sehr viele Zitationen, so dass der Durchschnittswert „JIF“ maßgeblich von wenigen häufig zitierten Artikeln abhängt.
Im konkreten Fall der Medizinischen Forschung kommt hinzu, dass unterschiedliche Subdisziplinen zum Teil höchst unterschiedliche Publikations- und Zitiergewohnheiten aufweisen. Diese spiegeln sich auch in den JIFs der jeweils renommiertesten Fachzeitschriften wider. Sofern bei der Leistungsbewertung im Rahmen der LOM also JIFs summiert werden, sind Subdisziplinen wie die Chirurgie mit eher niedrigen JIFs, etwa im Vergleich zur Biomedizin, systematisch benachteiligt (vgl. Vahl2008). An diesem Punkt entzündet sich eine Kontroverse. Paradigmatisch für die unterschiedlichen Positionen stehen dabei zum einen die „Empfehlungen zu einer Leistungsorientierten Mittelvergabe an den Medizinischen Fakultäten“ der DFG (2004), welche (unter dem Vorbehalt fehlender geeigneter Kennzahlen) die ungewichtete Verwendung/Summierung des JIF vorsehen, und zum anderen die diesbezügliche Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), welche „…ein Verfahren … zur fachbezogenen Gewichtung von Impactfaktoren [etwickelt hat]…“ (AWMF 2005). Beide Modelle werden gegenwärtig in der Praxis angewendet. Hinzu kommt, dass die medizinischen Fakultäten die unterschiedlichen Arten von Beiträgen (Originalbeiträge, Reviews, Letters, Notes) in Zeitschriften nicht einheitlich berücksichtigen. Während einige Fakultäten nur Originalbeiträge in die LOM einbeziehen, berücksichtigen andere sämtliche Arten von Beiträgen.
In der Konsequenz führen die an den einzelnen Fakultäten entwickelten und ausgehandelten Berechnungsmodelle zu einer relativ heterogenen LOM-Landschaft, die dem generellen Anspruch leistungsbasierter Anreizsysteme, der prinzipiellen Vergleichbarkeit von Leistung auch und gerade zwischen den Fakultäten, entgegensteht.

Effekte der LOM
Abgesehen von einzelnen Fallbeschreibungen (z.B. Kreysing 2008) liegen bislang keine Studien für den Bereich der Hochschulmedizin vor, in denen der Erfolg der LOM, gemessen an ihrer Zielsetzung (Leistungs- und Qualitätssteigerung, Effizienz usw.), systematisch untersucht wurde.
Zwar weisen einige medizinische Fakultäten seit Beginn der LOM-Forschung eine positive Entwicklung der Publikationszahlen bzw. der JIF-Summen auf (vgl. Landkarte Hochschulmedizin 2007), doch ist – abgesehen von der Frage der Geeignetheit der verwendeten Indikatoren hinsichtlich der mit der LOM verfolgten Ziele – eine kausale Beziehung diesbezüglich bisher nicht belegt. Um zuverlässige Aussagen über die Auswirkungen der Leistungsorientierten Mittelvergabe treffen zu können, bedarf es neben der Entwicklung bzw. Verwendung geeigneter Indikatoren auch der Berücksichtigung anderer potentiell leistungs- bzw. qualitätswirksamer Faktoren.
Aus Studien in anderen Fachgebieten (z. B. Jaeger 2006) wird ein Effekt leistungsorientierter Mittelvergabe im wesentlichen dem prinzipiellen Aufbrechen „historisch gewachsener Strukturen“ und einer erhöhten Transparenz von Leistung und zugewiesenen Mitteln zugeschrieben. Unmittelbare Effekte spielen der Studie zufolge kaum eine Rolle, da in der Regel der nach Leistungskriterien vergebene Anteil am Gesamtbudget zu gering sei.

1 Das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) in Mainz bewertet die schriftlichen Teile der in den Fächern Medizin und Pharmazie abgelegten Staatsexamina nach einheitlichen Maßstäben.
2
„Tatsächlich“ bezieht sich auf die Anzahl an Zitationen, die innerhalb der entsprechenden Datenbank ermittelt werden können, d.h. es können nur Zitationen aus Journals ermittelt werden, die ebenfalls in dieser Datenbank geführt werden. Außerdem kann die Anzahl an Zitationen einer Publikation nur für einen bestimmten Zeitraum ermittelt werden, dieser umfasst meist 2 bis 4 Jahre nach Erscheinen.

Literatur

Jaeger, M., 2006: Leistungsorientierte Budgetierung: Analyse der Umsetzung an ausgewählten Universitäten und Fakultäten/Fachbereichen, in: HIS (Hrsg.): Kurzinformation, A 1/2006.
Vahl, C.-F., 2008: Forschungsförderung durch leistungsorientierte Mittelvergabe (LOM): Argumente für eine medizinische Wissenschaftskultur jenseits der Impact Punkte. Zeitschrift für Herz-Thorax-Gefäßchirurgie, 22, 94–97. sowie Adler, G., 2009: Forschende Chirurgen: Nicht fair. Deutsches Ärzteblatt, 105(19): A-1002 / B-872 / C-852.
Medizinischer Fakultätentag (Hrsg.), 2007: Landkarte Hochschulmedizin, Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung (ISI), Karlsruhe 2007, 21 f.
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), 2005: Stellungnahme zu den Empfehlungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für eine leistungsorientierte Mittelvergabe (LOM) an den Medizinischen Fakultäten in Deutschland, Düsseldorf 2005.
Kreysing, M., 2008: Forschungsförderung mittels leistungsorientierter Mittelvergabe, in: Nickel, S., Ziegele, F. (Hrsg.): Bilanz und Perspektiven der leistungsorientierten Mittelverteilung. Analysen zur finanziellen Hochschulsteuerung. CHE Arbeitspapier Nr. 111, November 2008, 97-105.
Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2004: Empfehlungen zu einer Leistungsorientierten Mittelvergabe (LOM) an den Medizinischen Fakultäten. Stellungnahme der Senatskommission für Klinische Forschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Bonn 2004.
Wissenschaftsrat, 2007: Allgemeine Empfehlungen zur Universitätsmedizin, 7984-07, Berlin 2007.
Wissenschaftsrat, 2006: Stellungnahme zu Leistungsfähigkeit, Ressourcen und Größe universitätsmedizinischer Einrichtungen, in: Empfehlungen und Stellungnahmen 2005, Band II, Köln 2006.
Becker, S., 2005: Das Recht der Hochschulmedizin. MedR Schriftenreihe Medizinrecht, Berlin Heidelberg 2005.